Neugierig geworden?

Hat die Webseite Sie neugierig gemacht? Genießen Sie eine exklusive Leseprobe aus "Projekt101" von Thorsten Krause.

Kapitel 2

Der Pitch

Das Hotel, ein elegantes Gebäude mitten in der Münchner Innenstadt, strahlte Luxus aus. Auch jetzt fühlte Alex sich vollkommen fehl am Platz, seit er in die geschmackvoll eingerichtete Eingangshalle getreten war. Alex blieb vor der schweren Tür des Meetingraums stehen. Sein neuer, strahlend blauer Anzug saß perfekt, und die weißen Sneaker verliehen ihm einen Hauch von Lässigkeit. Mia hatte ihm versichert, dass die Investoren sich von ein wenig Lässigkeit nicht irritieren lassen würden, schließlich präsentierte er ihnen Technik, da erwarteten sie sicher keine polierten Lederschuhe. Auf den Anzug hatte sie trotzdem bestanden. Nervös strich er sich eine Haarsträhne aus der Stirn und wartete darauf, dass die Assistentin ihn hineinließ.

Die Tür öffnete sich und Alex trat ein. Die erste Überraschung erwartete ihn sofort: Die Investoren, die ihn anblickten, saßen in Jeans, Jogginghosen, T-Shirts oder Hoodies da. Sie wirkten keineswegs wie die typischen steifen Finanzleute, die er erwartet hatte.

„Willkommen, Alex“, sagte einer der Investoren, ein junger Mann in einem Hoodie mit einem futuristischen Logo darauf. „Erzähl uns von Projekt101.“

Alex begann seine Präsentation abzuspulen und stellte ihnen die Vision und die technischen Grundlagen von Projekt101 vor, wie er es mit Mia geübt hatte. Doch schon bald wurde er von den Investoren unterbrochen, die ihn mit technischen Fragen löcherten.

„Wie geht das Projekt mit dem Risiko der halluzinierenden KI um?“, fragte eine Frau in einem Star-Wars-T-Shirt.

„Unsere KI entwickelt sich durch ein Trial-and-Error-Prinzip weiter“, erklärte Alex. „Sie darf Erlebnisse nur in die Richtung entwickeln, in der sie positives Feedback vom Nutzer erhält, ähnlich einem 0/1-Schalter. Dadurch minimieren wir die Risiken halluzinierender KI, indem wir ungewollte oder unlogische Entwicklungen sofort unterbinden. Es gibt für die KI keine Grauzonen, die Halluzinieren bei den Erlebnissen möglich machen würden. Es gibt nur richtig oder falsch, und nur das Richtige wird dem Nutzer präsentiert.“ 

Ein anderer Investor, der entspannt in seinem Sessel lümmelte und den Eindruck machte, als würde ihn das alles nichts angehen, fragte gelangweilt: „Und was ist mit den üblichen Schwächen bildgenerierender KI? Können Hände realistisch dargestellt werden?“

„Ja, wir haben erhebliche Fortschritte gemacht“, antwortete Alex. „Die Darstellung von Händen und anderen schwierigen Details ist durch verbesserte Algorithmen und umfangreiche Trainingsdaten sehr realistisch geworden.“ Der Investor schien sich auszukennen, Hände waren die Schwachstelle der bekanntesten künstlichen Intelligenzen, die auf die Erstellung von Bildern trainiert waren. Auch wenn diese KIs menschliche Gesichter wie auf Fotos aussehen lassen konnten, kam es bei den Händen immer wieder zu sehr gruseligen Aussetzern. Hände mit sechs Fingern waren da noch die angenehmste Variante – es konnte gut sein, dass eine Hand aus sechs Daumen bestand oder die Finger in alle Richtungen unnatürlich abstanden. „Außerdem hilft uns da das unterbewusste Feedback des Nutzers weiter“, ergänzte Alex stolz. „Wenn Sie sich erinnern, Projekt101 liest die Gehirnströme des Nutzers jederzeit mit und stellt sicher, dass der Nutzer zufrieden ist. Wenn die KI also eine Hand mit sagen wir sechs Fingern generiert, wundert sich der Nutzer ganz subtil unbewusst, wenn er diese Hand wahrnimmt. Das aktive Bewusstsein hat da noch gar nicht verstanden, was es gerade sieht. In Bruchteilen von Sekunden korrigiert Projekt101 dann die angesehene Hand in eine normale Hand mit fünf Fingern. Wenn das Bild also das aktive Bewusstsein des Nutzers erreicht, hat die Hand schon fünf richtige Finger und das Feedback des Nutzers ist positiv. Bestenfalls haben Sie sich noch eine Millisekunde das Gefühl, dass gerade irgendetwas komisch war, aber das wird schnell verdrängt, wenn das Erlebnis weitergeht.“ 

„Faszinierend“, antwortete der Investor, der sich während Alex’ Schilderung in seinem Sessel aufgesetzt und ihn mit den Augen fixiert hatte. Er schien wie elektrisiert.

Die Fragen wurden zunehmend spezifischer. „Wie bewegen sich die User in der virtuellen Welt?“, fragte ein weiterer Investor, der einen schwarzen, flachen Laptop vor sich hatte und eifrig Notizen machte.

„Die User sind mit einem ausgeklügelten Seilsystem praktisch frei schwebend aufgehängt. Das System kann durch entsprechende Widerstände in den Seilen die Bewegung des Nutzers einschränken und so feste Oberflächen simulieren“, erklärte Alex. „Dadurch fühlt es sich für die User so an, als würden sie tatsächlich durch eine reale Umgebung gehen.“

Die Frau im Star-Wars-T-Shirt zog spöttisch eine Braue in die Höhe. „Wie genau funktioniert dieses Seilsystem? Können Sie das etwas näher erläutern?“, fragte sie.

„Natürlich“, sagte Alex. „Das Seilsystem besteht aus mehreren Seilen, die an strategischen Punkten des Körpers befestigt sind: Oberarme, Unterarme, Oberschenkel, Unterschenkel, Hüfte und Schultern. Diese Seile sind mit Motoren verbunden, die präzise gesteuert werden können, um Bewegungen zu ermöglichen. Wenn der Nutzer beispielsweise seine Hand ausstreckt, wird das entsprechende Seil nachgelassen, um diese Bewegung zuzulassen. Gleichzeitig können die Seile aber auch straffgezogen werden, um Widerstände und das Gefühl fester Oberflächen zu simulieren. Sie können dem User damit das Gefühl geben, Treppen zu steigen, ohne dass er auch nur einen Zentimeter höher hängt als zuvor, oder sie können einen Flug simulieren oder einen Fallschirmsprung oder einen Tauchgang. Vergessen Sie nicht: Durch die haptischen Anzüge können wir den Nutzern auch das Gefühl geben, sich in Wasser zu befinden oder dass Wind über ihre Haut strömt.“

„Interessant“, sagte die Frau im Star-Wars-T-Shirt. „Wie stellen Sie sicher, dass die User nicht das Gleichgewicht verlieren oder sich verletzen?“

„Das System ist mit einer Sicherheitsfunktion ausgestattet“, erklärte Alex. „Die Motoren reagieren sofort auf unvorhergesehene Bewegungen und stabilisieren den User automatisch. Zudem sind die Seile so gestaltet, dass sie keine scharfen Kanten oder gefährliche Materialien enthalten, was das Verletzungsrisiko minimiert. Alles wird im Millisekunden-Bereich überwacht und ständig korrigiert, natürlich auch von einer intelligenten Software, aber im Vergleich zur Generierung des Erlebnisses ist es ein Kinderspiel, den Nutzer nicht hinfallen zu lassen.“

Ein weiterer Investor hob die Hand. Er trug eine dunkelgraue Jogginghose. Ein Kleidungsstück, das Mia Alex für diesen Tag nie im Leben erlaubt hätte. „Wie geht Ihr System mit Latenz um? Gibt es Verzögerungen, die das Erlebnis beeinträchtigen könnten? Kommt es zur Virtual-Reality-Krankheit?“ Er sprach damit ein Thema an, mit dem viele Menschen beim ersten Verwenden einer Virtual-Reality-Brille zu kämpfen hatten: wenn das Bild nicht schnell genug auf die Bewegung der Brille reagiert und etwas nachzieht, passt das Gesehene nicht direkt zum Gefühlten, das Gehirn realisiert, dass etwas nicht stimmt, und reagiert mit Unwohlsein und Übelkeit, der sogenannten Motion Sickness. Nach dem Blick des Investors zu schließen, hatte er das auch schon einmal erlebt. 

„Wir haben ein Netzwerk entwickelt, das nahezu latenzfreie Kommunikation zwischen den Geräten und dem Core ermöglicht“, antwortete Alex. „Dadurch werden Bewegungen und Umgebungen in Echtzeit angepasst, ohne spürbare Verzögerungen für den User. 

Das überzeugende Argument für die Investoren war jedoch ein anderes. „Durch die Generierung des perfekten Moments werden Glückshormone wie Dopamin ausgeschüttet“, erklärte Alex. „Dopamin ist das, was die Menschen antreibt, das, was die Menschen haben wollen. Dopamin ist Glück. Echtes Glück. Und wer das einmal erlebt hat, will es natürlich wieder haben, so funktionieren die Menschen einfach. Das führt zu einer positiven, nennen wir es mal, Abhängigkeit ohne wesentliche Nebenwirkungen. Wir erwarten dadurch eine massive Kundenbindung. Vergessen Sie nicht, das System ist darauf optimiert, das absolut perfekte Erlebnis zu generieren. Eine bessere Dopaminausschüttung ist fast nicht möglich, da alle Störfaktoren ausgeblendet werden.“ Alex hatte sich in einen Flow hineingeredet.

„Könnten Sie das etwas genauer erläutern?“, fragte der Investor im Hoodie.

„Natürlich“, sagte Alex. „Die KI analysiert die Reaktionen der User und optimiert die Erlebnisse so, dass sie die größtmögliche Freude bereiten. Das führt zur natürlichen Ausschüttung von Dopamin, einem Glückshormon, das für Wohlbefinden sorgt. Anders als bei ungesunden Süchten hat diese Form der Abhängigkeit keine negativen Nebenwirkungen, was die Kundenbindung enorm stärkt. Wer einmal kommt, der kommt immer wieder“, erklärte Alex mit einem Lächeln. Jetzt hatte er sie. Alle Augenpaare im Raum waren auf Alex gerichtet, man hätte eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. Sogar das Tippen auf der Laptoptastatur war schon vor Minuten verstummt. 

„Die Erlebnisse sollen ausschließlich in speziellen Projekt101-Studios angeboten werden. Keine Heimgeräte, keine Experimente. Eine Latenz durch zum Beispiel ein schlechtes Heim-W-LAN oder ein nicht ordentlich angeschlossenes Gerät würden das Erlebnis verfälschen, und wir wollen nur perfekte Erlebnisse. Außerdem behalten wir so die Kontrolle über den Zugang zu den Erlebnissen, Nachahmer haben keinen Zugriff auf unsere Codes und Funktionen. Die Geräte in den Studios funktionieren nur, wenn sie mit dem Hauptrechner, dem sogenannten Core, verbunden sind. Die KI läuft ausschließlich auf dem gesicherten Core, nicht in den Studios selbst. Noch mal zu Ihrer Erinnerung: Alles, die ganzen Berechnungen, alles, was die künstliche Intelligenz berechnet und alle Auswertungen, die sie vornimmt, passiert auf diesem Core-Server. Die Geräte selbst sind, wenn Sie so wollen, nur das Tor zum Core, alleine sind die Geräte praktisch nutzlos.“ Damit hatte er ein weiteres kritisches Thema von sich aus angesprochen und geklärt. Mia hatte ihm geraten, sich darauf vorzubereiten, dass die Investoren fragen würden, ob Konkurrenten sich einfach die Hardware schnappen, zerlegen und billige Kopien fertigen könnten. Für Investoren eine Horrorvorstellung, die Alex gerade in Wohlgefallen aufgelöst hatte. 

„Die KI ist natürlich eine komplette Blackbox“, fügte Alex hinzu. „Auch für mich als Entwickler. Das ist bei fortschrittlichen KI-Systemen, wie Sie wissen, üblich. Niemand weiß mehr genau, was im Inneren vor sich geht und wie die KI zu den Ergebnissen kommt, zu denen sie kommt. Aber noch einmal: Durch die Koppelung an die Emotionen des Nutzers schaffen wir das perfekte Erlebnis. Es kann gar nicht schlecht laufen, da kann es uns relativ egal sein, wie die KI zu ihrem Ergebnis kommt.“

Die Investoren nickten anerkennend. Alex hatte sie überzeugt. Doch um den letzten Funken Zweifel zu beseitigen, hatte er noch eine Überraschung vorbereitet.

„Gibt es jemanden, der den Prototypen ausprobieren möchte?“, fragte Alex mit einem selbstbewussten Lächeln.

Die Frau im Star-Wars-T-Shirt hob sofort die Hand. „Ich bin dabei.“

Alex führte sie zu einem speziell vorbereiteten Bereich des Raums, in dem er gestern schon das Seilsystem und die VR-Ausrüstung für sein heutiges Meeting aufbauen durfte. Alex half der Frau routiniert, sich anzuschnallen und die Ausrüstung anzulegen.

„Alles, was Sie tun müssen, ist, den Prompt einzugeben. Der Prompt ist das, womit Sie der künstlichen Intelligenz sagen, was sie machen soll; deren Aufgabe, praktisch“, erklärte Alex, nun vollkommen in seinem Element. „Das geht im späteren System mit Sprachsteuerung, der Prototyp möchte noch einen getippten Prompt. Was halten Sie von: ‚Bringe mich an meinen Lieblingsplatz‘?“, fragte Alex mit einem Lächeln.

„Gerne“, antwortete die Frau unter der Virtual-Reality-Brille. „Und wie funktioniert das jetzt gena…“ Weiter kam sie nicht. Alex hatte das System aktiviert.

Sofort erwachte das System zum Leben. Die Seile zogen sich straff, hoben die Frau sanft an und simulierten die Bewegungen in der virtuellen Welt. Auf einem großen Bildschirm konnten die anderen Investoren beobachten, wie sich die virtuelle Umgebung formte. Sie fanden sich an einem atemberaubenden Strand wieder, der Himmel strahlte in einem perfekten Blau, das Meer glitzerte in der Sonne und sanfte Wellen rollten an den weißen Sandstrand.

Die Frau im Star-Wars-T-Shirt lächelte breit und drehte sich langsam um die eigene Achse, die Arme ausgebreitet, als würde sie die Wärme der Sonne und die Brise des Meeres auf ihrer Haut spüren. Sie machte ein paar Schritte, begann zu rennen, Sand stob hinter ihren Füßen auf. Plötzlich drehte sie sich nach links, rannte auf die Wellen des Meeres zu und ließ sich hineinfallen. 

„Das ist unglaublich“, flüsterte sie, als sie die VR-Brille abnahm. „Ich habe noch nie etwas so Realistisches erlebt. Woher kennt es diesen Strand?“ „Es kennt ihn nicht“, antwortete Alex. „Es kennt Sie. Besser gesagt, es liest Sie.“ 

Alex lächelte und wandte sich an die anderen Investoren. „Wie Sie sehen, kann unsere KI auf einfachste Befehle reagieren und sofort perfekte Momente erschaffen. Diese Technologie kann unglaubliche Erlebnisse bieten, die die Kunden immer wieder zurückkommen lassen.“

Er zeigte auf den Bildschirm, wo ein detailliertes Erlebnisprotokoll zu sehen war. „Hier können Sie die Analyse der Reaktionen und die Optimierung der Erlebnisse in Echtzeit sehen. Das System lernt kontinuierlich und passt sich an, um den Nutzern das bestmögliche Erlebnis zu bieten.“

Die Investoren wirkten beeindruckt. Alex wusste, dass er sie überzeugt hatte. Sie waren sich sicher, Projekt101 würde die Welt verändern. Doch wie sich die Welt verändern würde, ahnte in diesem Moment keiner im Raum, am wenigsten Alex.

Kapitel 10

Dantes Inferno

Die Nacht lag wie Blei über der Stadt, der Regen prasselte gegen die Fenster von Alex’ Büro und verschluckte außen alles Licht und alle Geräusche. Drinnen war es still, abgesehen vom gleichmäßigen Summen der Elektronik und dem gelegentlichen Tropfen von Wasser irgendwo an der Außenseite des Gebäudes. Alex saß an seinem Schreibtisch, Lars Wagner, der Sicherheitschef, ihm gegenüber. Die gedämpfte Beleuchtung warf harte Schatten auf Wagners kantiges Gesicht.

„Herr Becker“, begann Wagner mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Es gibt Dinge, die Sie wissen müssen, bevor Sie weitere Schritte unternehmen.“

Alex lehnte sich zurück, seine Augen fest auf Wagner gerichtet, aber das Unbehagen, das in ihm brodelte, ließ sich nicht verbergen. „Was haben Sie herausgefunden?“

Wagners Gesicht war eine Maske aus Kälte, doch seine Stimme vibrierte vor unterdrückter Dringlichkeit. „Es gibt Berichte über militärische Forschungen, die Ermittlungstechniken entwickeln, die auf virtuellen Simulationen basieren. Verhörmethoden, bei denen die Verhörten in ihre schlimmsten Albträume versetzt werden. Ich weiß, dass Ihre Freundin Mia hinter den Projekt101-Bordellen steckt, Herr Becker, und ich weiß auch, wer ihre Investoren sind. Ihre Freundin hat sich mit ziemlichen Unterweltgrößen eingelassen, um an genug Geld zu kommen. Geschäftstüchtig. Einer davon ist ein Waffenhändler, der im großen Stil mit Kriegsgerät dealt. Er hat das Potenzial erkannt, das Projekt101 bei Verhören bietet. Er hat eines der Bordelle übernommen und in ein experimentelles Verhörzentrum umgewandelt. Gut versteckt waren die Einrichtungen ja vorher schon. Und vermietet an den einen oder anderen Geheimdienst bringen diese noch viel mehr Geld, als es mit den Bordellen je möglich gewesen wäre. Und das Ergebnis? Brutal. Wir sprechen hier nicht von einfachen Verhören. Wir sprechen von mentalen Zerreißproben, die selbst die härtesten Menschen brechen können.“ Wagners Augen blitzten. „Nahtoderfahrungen waren schon immer perfekte Foltermethoden.“ Alex überkam plötzlich das Gefühl, dass Wagner hier nicht nur aus der Theorie referierte, sondern auch viel praktische Erfahrung hatte. Zu viel? Wer war dieser Mann eigentlich? Alex beschloss, sich mit Wagners Hintergrund näher auseinanderzusetzen. Wenn die Zeit es zuließ. 

„Alles, was an herkömmlichen Methoden entwickelt wurde, basiert auf der Idee, die verhörte Person glauben zu lassen, dass sie sterben wird. Natürlich gibt es auch die Methoden, die einfach nur massive Schmerzen zufügen. Und auch die gibt es auf einem Niveau, das unmenschliche Schmerzen über unglaublich lange Zeit ermöglicht, ohne den Tod der verhörten Person zu riskieren. Aber es hat sich gezeigt, dass der Tod – oder besser: der simulierte Tod – die besten und schnellsten Ergebnisse bringt. Wissen Sie, was Waterboarding ist?“ Alex nickte mit einem Kloß im Hals. Seit den Berichten über das CIA-Gefängnis in Guantánamo wusste praktisch jeder, wie das simulierte Ertrinken funktionierte. Richtig angewandt konnte der zu Verhörende immer und immer wieder dem Gefühl ausgesetzt werden, zu ertrinken, ohne dass seine Folterknechte wirklich Gefahr liefen, dass ihr Delinquent das Zeitliche segnen würde, bevor sie alle Informationen herausgequetscht hatten. „Simulierte Erschießungen, ein vorgegaukeltes Erhängen, all das, was die Urangst zu sterben anspricht, hat sich als äußerst effektiv erwiesen“, referierte Wagner ungerührt weiter. 

„Aber mit Ihrer Technik sind ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Kein Laientheater mehr wie bei den simulierten Hinrichtungen. Mit der virtuellen Realität kann jede Todesart simuliert werden. Bis. Zum. Ende. Jedes Gift, das den Körper langsam zersetzt, ertrinken, verbrennen, zerstückeln. You name it, we have it.“ Wagner war im letzten Satz ins Englische gewechselt. Alex hatte ihn noch nie Englisch sprechen hören, doch es hörte sich nicht nach dem abgestandenen deutschen Schulenglisch an, sondern wirkte nur allzu natürlich, passender als Wagners akzentfreies Deutsch. Wo zur Hölle kam der Typ eigentlich her? 

„Und es fühlt sich alles absolut echt an. Haben Sie mal die Hinrichtungsvideos des IS gesehen?“ Alex’ Magen zog sich zusammen. Er hatte davon gehört, dass der selbst ernannte Islamische Staat drakonische Strafen verhängt und deren Vollstreckung medienwirksam gefilmt und online gestellt hatte. 2014 waren die Videos in aller Munde, auch wenn Alex es strikt vermieden hatte, eines davon anzusehen. „Da konnte man sehen, wie kreativ und krank Menschen werden können, wenn sie keine Grenzen gesetzt bekommen. Andere Menschen in Käfigen verbrennen und mit der Kamera immer draufzuhalten, ganze Familien in Käfigen eingesperrt in Pools zu werfen und das Ertrinken mit Unterwasserkameras zu filmen und die ganze mittelalterliche Scheiße, die sie da abgezogen, gefilmt und direkt im Internet gestreamt haben.“ Alex spürte, wie ihm schwummrig im Kopf wurde. 

„Und jetzt kommt es. Wenn Sie jemanden verhören, der mit solchen Bildern radikalisiert wurde, bei dem diese Videos was gemacht haben im Kopf, was glauben Sie, wie effektiv es ist, ihn das Ganze selbst erleben zu lassen? Und mit Projekt101 müssen Sie vorher nicht einmal Genaueres über den zu Verhörenden wissen. Nein, er schafft sich sein Erlebnis selbst. Genau die Todesart, die ihn am meisten beeindruckt hat, das, wovor er sich am meisten fürchtet, genau das findet das System in Sekundenbruchteilen und lässt es ihn vollkommen realistisch erleben. Sie suchen eben nicht nach dem denkbar besten, sondern nach dem schlimmsten Erlebnis im Kopf der Person, so einfach und so effizient.“ Alex fröstelte. Wagner hatte sich in einen Redefluss hineingeredet, er klang wie ein Verkäufer, der sein Top-Produkt anpries. 

„Und mit Projekt101 muss man nicht kurz vor dem Höhepunkt aufhören, um den zu Verhörenden nicht zu verlieren. Nein. Da fängt der Spaß erst richtig an.“ Alex glaubte sich verhört zu haben, hatte Wagner gerade ernsthaft von Spaß gesprochen? 

„Wir können jeden glauben lassen, gestorben zu sein und ihn das Leben nach dem Tod erleben lassen. Natürlich nicht die gute Variante. Praktisch jede Kultur hat ihre Hölle. Und mit den Möglichkeiten von Projekt101 schaffen wir die ganz persönliche Hölle. Für jeden. Immer und immer wieder.“ Alex war nicht entgangen, dass Wagner, der jetzt schon viel mehr gesprochen hatte als die ganzen letzten Monate, die Alex ihn schon kannte, von den allgemeinen Schilderungen von Verhörmethoden plötzlich dazu übergegangen war, von „wir“ zu sprechen. Aber wen meinte er? Wir bei Projekt101 oder ein anderes „wir“? 

„Leute sterben zu lassen und in ihre persönliche Hölle zu schicken, sie zurückzuholen und wieder sterben zu lassen, und wieder und wieder, das ist so viel effektiver als alles, was wir bisher gesehen haben. Alles. Jede Scheinhinrichtung, jede noch so ausgeklügelte chemische Substanz, alle zugefügten Schmerzen sind ein Dreck gegen das, was ein wirklich gut simulierter Tod und Nachleben mit einem Menschen machen. Auch die Härtesten sind nach wenigen Durchläufen komplett gebrochen und sagen alles, damit es aufhört.“ Wagner machte eine dramatische Pause und sah Alex fest in die Augen. „Spätestens, wenn man die Familie dazuholt.“ Sämtliche Haare standen Alex zu Berge. Er konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. 

„Albträume? Folter? Tod? Die Hölle?“ Alex runzelte die Stirn, seine Hände begannen leicht zu zittern. „Das kann nicht wahr sein … Das ist nicht das, wofür ich Projekt101 entwickelt habe.“

„Ich weiß, dass es schwer zu begreifen ist“, sagte Wagner, und seine Stimme nahm wieder einen neutralen, sanfteren Ton an. „Aber stellen Sie sich vor, was wir hätten verhindern können, wenn wir diese Technik bereits vor Jahren gehabt hätten. Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin 2016, der Anschlag auf die Konzerthalle Bataclan in Paris 2015. Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen hätten gerettet werden können.“

Er hielt kurz inne, bevor er die Liste fortsetzte. Seine Blicke durchbohrten Alex. „2013, der Bombenanschlag beim Boston-Marathon. Drei Tote, über 260 Verletzte. Die Attentäter hätten uns nichts verheimlichen können. Wir hätten ihre Pläne im Keim erstickt.“

„Und nicht nur das“, fuhr Wagner fort, seine Stimme nun ein leises Grollen. „2005, die Anschläge auf die Londoner U-Bahn und einen Bus, die 52 unschuldigen Menschen das Leben kosteten. Oder Madrid, 2004 – zehn Bomben in Pendlerzügen, fast 200 Tote, 2.000 Verletzte. Diese Verbrecher hätten nie die Gelegenheit gehabt, ihre grausamen Taten umzusetzen.“

„Und gehen wir noch weiter zurück.“ Wagner machte eine dramatische Pause. „Nine eleven, der 11. September 2001. Der Tag, der die Welt veränderte. Vier Flugzeuge, fast 3.000 Tote. Denken Sie nur daran: Mit einer Technik wie der unseren hätten wir die Köpfe hinter diesen Angriffen vielleicht zur Strecke gebracht, bevor die Flugzeuge jemals abheben konnten. Hunderte, vielleicht Tausende hätten überlebt. Vielleicht hätten wir die Zellen schon vorher ausheben können, bevor sie ihre Flugtickets kauften.“ Ständig dieses „wir“. Wer war der Typ?

Er sah, wie Alex bleich wurde, wie der Schock durch ihn fuhr, doch Wagner drängte weiter. „Wir hätten Terroristen wie Osama bin Laden dazu bringen können, ihre Pläne und Netzwerke offenzulegen. Die Geheimbasen in Afghanistan, die Finanziers, die Köpfe der Operationen – all das wäre uns nicht entgangen. Jede Information, jede Nuance, die selbst unter herkömmlicher Folter nie preisgegeben worden wäre, hätten wir in den Erlebnisprotokollen gefunden. Reine Daten direkt aus dem Bewusstsein, unverfälscht und unzensiert.“

„Und das war nur die Vergangenheit. Es geht um die Zukunft. Denken Sie an die Bedrohungen, die wir noch nicht einmal kennen. Wie viele weitere Anschläge, wie viele Massaker könnten wir verhindern, bevor sie geschehen?“

In Wagners Stimme schwang eine beunruhigende Ruhe mit, während er sprach, als wäre das, was er vorschlug, der einzige logische Schritt. Alex fühlte sich, als würde er in einen Abgrund blicken. Was geschah hier gerade?

Alex schluckte schwer, als er versuchte, die Bilder aus den Nachrichten vor seinem inneren Auge zu verdrängen, die die Nennung der Anschläge hochgeholt hatten. Der Gedanke, dass seine Technologie hätte helfen können, diese Gräueltaten zu verhindern, war überwältigend, aber die Methode war zu beängstigend.

Wagner, der das Zögern in Alex’ Haltung bemerkte, setzte nach. „Diese Verhörtechnik könnte die Welt verändern. Wir könnten Informationen extrahieren, die auf konventionelle Weise niemals zu bekommen wären. Geheimnisse, die tief im Bewusstsein vergraben sind, so gut versteckt, dass selbst konventionelle Folter sie nicht hervorbringen kann. Aber Projekt101 … Ihre Technologie … sie greift direkt auf das Bewusstsein zu. Sie könnte das Unsagbare offenbaren, die tiefsten, dunkelsten Geheimnisse. Sie haben eine Methode geschaffen, die weit über das hinausgeht, was jemals möglich war.“

Alex schüttelte den Kopf, seine Stimme war heiser und voller Entsetzen. „Das ist nicht der Zweck von Projekt101. Es sollte Freude bringen, das Leben der Menschen verbessern, nicht zerstören. Nicht auf diese Weise.“

„Freude und Schmerz sind zwei Seiten derselben Medaille“, entgegnete Wagner kühl. „Ihre Technologie kann das menschliche Bewusstsein besser lesen als jede andere. Die Konkurrenz hat nicht die Finesse, die Projekt101 hat, sondern geht ganz oberflächlich in die Wünsche der Nutzer. Ihr System registriert nicht nur oberflächliche Gedanken, sondern die tiefsten Schichten des Bewusstseins. Die Erlebnisprotokolle … sie sind der Schlüssel. Sie enthalten mehr als nur Daten über Erlebnisse. Sie sind ein Fenster in die Seele des Nutzers. Diese Protokolle zeigen nicht nur, was jemand tut oder denkt – sie zeigen, was jemand niemals aussprechen würde.“

„Was schlagen Sie vor?“ Alex spürte, wie ihm die Kehle zuschnürte, doch er zwang sich, ruhig zu bleiben.

Wagner lehnte sich vor, seine Augen fest auf Alex gerichtet, als ob er ihn hypnotisieren wollte. „Öffnen Sie das System für die Arbeit der Geheimdienste. Natürlich nur der Guten.“ Alex lachte innerlich auf, bemüht, es Wagner nicht sehen zu lassen. Gut und Böse waren bei Wagners Überlegungen schon lange zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen. „Lassen Sie sie die Protokolle nutzen, um diese Verhöre durchzuführen. Wir könnten Attentäter entlarven, bevor sie zuschlagen. Wir könnten Netzwerke von Terroristen zerschlagen, bevor sie überhaupt in Aktion treten. Und die Welt … die Welt wäre sicherer.“

„Das ist … Wahnsinn“, stieß Alex hervor, sein Kopf drehte sich, als er versuchte, die Abgründe zu begreifen, die Wagner ihm aufzeigte. „Sie wollen aus einer Technologie, die Menschen glücklich machen sollte, eine Waffe machen? Eine Waffe gegen den menschlichen Geist?“

„Sehen Sie es nicht als Waffe, sondern als Werkzeug.“ Wagners Stimme wurde leiser, eindringlicher. „Ein Werkzeug, um das Böse in der Welt zu bekämpfen. Die Menschen, die wir auf diese Weise verhören würden, sind keine Unschuldigen. Sie sind Mörder, Terroristen, Feinde der Menschheit. Sie haben kein Recht auf Gnade, und es ist unsere Pflicht, alles zu tun, um Unschuldige zu schützen.“

Alex wandte sich von Wagner ab und starrte in die Dunkelheit hinaus. Der Regen lief in dicken Strömen die Scheiben herunter, aber er konnte den Knoten in seinem Magen nicht verdrängen. „Und was ist mit der Integrität? Mit der Ethik? Wenn wir diesen Weg einschlagen, werden wir dann nicht selbst zu den Monstern, die wir bekämpfen wollen?“

Wagners Gesicht blieb unerbittlich, seine Worte wurden messerscharf. „Ethik ist ein Luxus, den wir uns nicht immer leisten können, wenn unschuldige Leben auf dem Spiel stehen. Ihre Technologie ist eine Gabe, Herr Becker. Eine, die Leben retten kann. Aber dafür müssen Sie akzeptieren, dass es manchmal nötig ist, das kleinere Übel zu wählen, um ein größeres zu verhindern. Viele, die das Böse bereits gesehen haben, haben das verstanden. Manchmal muss man Böses tun, um das Böse zu bekämpfen, Herr Becker.“

Alex drehte sich langsam wieder zu Wagner um, sein Blick hart und entschlossen. „Nein. Ich kann nicht zulassen, dass Projekt101 zu einer solchen Abscheulichkeit wird. Ich werde den Core abschalten. Das alles muss ein Ende haben.“

Wagners Gesicht verfinsterte sich, doch er blieb ruhig. „Denk noch einmal drüber nach. Wenn du das System abschaltest, zerstörst du die einzige Chance, die wir haben, diese Welt sicherer zu machen. Es wird nichts Gutes entstehen, wenn du diese Möglichkeit vernichtest. Denk daran, wie viele Menschenleben gerettet werden könnten.“

Alex schüttelte den Kopf, seine Entschlossenheit war nun unerschütterlich. „Es gibt Grenzen, die ich nicht überschreiten werde. Das ist eine davon.“

Wagner erhob sich langsam, seine Augen wieder kalt wie Eis. „Wie Sie meinen, Herr Becker. Aber ich fürchte, Sie haben nicht die ganze Kontrolle über das, was Sie geschaffen haben. Es könnte schon zu spät sein.“ 

Alex schwieg, während Wagner sich in Richtung Tür bewegte. Die Stille zwischen ihnen war fast greifbar, gefüllt mit unausgesprochenen Drohungen und dunklen Vorahnungen.

Als Alex schließlich aus der Tür zu seinem Büro trat, um endlich zum Core-Raum zu gehen, spürte er einen Stich und eine plötzliche Hitze in seinem Nacken, die sich schnell ausbreitete. Der Raum begann sich um ihn zu drehen, bevor er in Dunkelheit fiel. Das letzte Geräusch, das er hörte, war das leise Klacken von Stiefeln auf dem Boden, das in der unheimlichen Stille des verlassenen Flurs widerhallte. Es wurde dunkel um ihn. Dunkel und kalt.  

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